Was bin ich, wenn ich bin?

Es war dunkel. Der Schein des Feuers tanzte über das Gesicht des alten Beduinen. Die Nacht war ruhig und das Feuer knisterte. In der Dunkelheit leuchteten die Sterne. Die Stille der Wüste umhüllte sie. Schweigend saßen sie da.

Heiko hatte alles verloren: Familie und Arbeit. Er hatte eine Firma gehabt, gekämpft, war erfolgreich gewesen und hatte investiert. Er hatte so viel Zeit investiert, dass er für seine Frau und seine Kinder am Ende keine Zeit mehr gehabt hatte. Als er von seiner letzten Geschäftsreise zurückgekommen war, war die Wohnung leer gewesen. Seine Familie hatte ihn verlassen. Er saß mit seinem Jugendfreund Frank und Mohamed, dem alten Beduinen, auf einer Decke im Sand……….

 

…..Der alte Beduine sah Heiko ruhig an. Dann fragte er ihn:

"Wen suchst du?"

Erstaunt blickte Heiko ihn an.

"Ich suche mich, der ich war und der mit dir hier im Sand sitzt".

Wie sollte man mit solch einem Lehrer sprechen, fragte er sich unsicher.

Die Augen des Alten blitzten.

"Wie kannst du jemanden suchen, der nie war?"…

 

…..."Meine Gedanken sind meine eigenen, darum bin ich! Natürlich wollte ich nicht, dass meine Familie mich verlässt! Die Bank hat meine Firma ruiniert!", fuhr er den Alten an.

"Danke vielmals. Du hast gerade bewiesen, dass du nicht bist".

"Was soll das denn jetzt wieder?"

"Das soll heißen: Du hast keine eigenen Gedanken. Darum bist du auch nicht. Du sagtest, deine Gedanken gehören dir, weil du deine Gedanken bist. Weil aber deine Gedanken offenbar nicht dir gehören und du keine eigenen Gedanken hast, bist du nicht." Der Alte lächelte gütig.

"Natürlich habe ich eigene Gedanken", wehrte Heiko sich.

So ein Unsinn, natürlich bin ich, dachte er. Warum war es Frank so wichtig gewesen, dass er diesen verrückten alten Beduinen kennenlernte? Frank mit seinem Helfersyndrom! Er ärgerte sich über ihn. Er verstand das Ganze nicht……

 

 

..."Was, ich stecke noch in meinen Kinderschuhen? Was meinst du damit?", er fuhr den Alten scharf an, fühlte sich provoziert. Ihm wurde heiß.

"Ich meine, dass du nur das wiederholst, was dir als Kind gutgetan hat. Du greifst auf das zurück, was dir Sicherheit und Anerkennung gab. Diese Erfahrungen führen deine Augen und lassen dich die Welt so sehen, wie du sie siehst. Das heißt aber nicht, dass sie so ist. Du wiederholst Verhaltensweisen deiner Kindheit, die dir guttaten und dich schützten. Du greifst zurück in die Vergangenheit und bleibst zugleich in ihr stecken. Du handelst, redest, siehst und sprichst wie ein Kind. Darum machst du keine Fortschritte. Deshalb gibt es keinen Fortschritt. Verstehst du, Heiko?"

"Blödsinn! Natürlich gibt es Fortschritte, zum Beispiel in der Technik. Wieso telefonierst du mit deinem Handy?"

Heiko fühlte sich sicher und überlegen. Jetzt hatte er den Alten.

"Das Handy ist nur ein Spielzeug. Doch was ist es in Wirklichkeit? Ist es nicht ein unvollkommener Versuch, Ohren und Sprache nachzubauen? Ist eure Technik nicht ein Versuch, die Natur zu kopieren? Kann ein Techniker eine solche Hand machen?"

Der Beduine hielt seine Hand übers Feuer; sie bewegte sich weich und wellenartig. Jetzt schnitt er mit ihr scharfe Zeichen in die Luft.

"Können die Hände eines Roboters schreiben, fühlen und empfinden? Nein, können sie nicht! Ihr versucht immer nur vergeblich, die Vollkommenheit der Natur zu kopieren. Doch ihr scheitert. Ihr werdet nie etwas erfinden, was die Natur nicht schon vor euch erschuf. Das nennt ihr dann Fortschritt. Die Natur war längst vor euch da und hat alles vorbereitet. Darum steht die Zukunft schon in vielen Möglichkeiten und ruft die Gegenwart zu sich. Ein Same ist da, weil er die zukünftige Blume ist, die ihn zum Wachsen bringt. Das Leben erschuf die Idee des Denkens durch die Natur und das Gehirn. Ohne Gehirn könntest du nicht denken. Mit dem Gehirn hat das Leben etwas in der Vergangenheit erschaffen, das sich erst in Zukunft durch unser Wirken zeigen wird…….

 

…….Frank hatte seinen Freund noch nie so gesehen. Sein Gesicht war weich geworden.

Der Alte blickte ihn ernst und mitfühlend an.

"Was du freien Willen nennst, ist nur eine Reaktion auf mich und eine Flucht vor deinem Schmerz. Du fliehst vor deiner Angst, die du nicht aushalten und fühlen willst. Doch das hat nichts mit Freiheit zu tun. Es ist Gefangenschaft."

Heiko blickte ihn verstört an. Er fühlte sich nackt und schutzlos.

"Aber meine Gefühle?" Die Worte blieben ihm fast im Hals stecken.

"Deine Gefühle sind Erfahrungen deiner Vergangenheit und Erziehung. Du konntest noch nicht denken. Also gaben deine Eltern dir Bedeutungen. Deine Gefühle reagierten auf sie. Es sind die damaligen Spannungen, die du heute noch spürst. Sie wirken noch in dir."...

 

... Heiko überlegt bestürzt. Nein, er war nicht frei gewesen, war ohnmächtig getrieben von sich selbst. Voller Bestürzung sah er sich von Termin zu Termin hetzen. Seine Frau wurde immer stiller. Seine kleine Tochter drehte sich weg, wenn er sie in den Arm nehmen wollte. Sein Sohn schwieg abweisend. Hatte er das so gewollt?

Nein, er war gefangen gewesen, gefangen in seinen Schuldgefühlen, Vorstellungen und Wünschen. Erschrocken sah er es, konnte aber nichts dagegen tun. Er war zu sehr verstrickt in seinen Strategien, Plänen, Geschäftszielen und Vorhaben. Sie waren es, die ihn organisierten, sein Denken und Handeln bestimmten.

Nein, mit Freiheit hatte das nichts zu tun gehabt. Auch nicht mit seiner Familie.

Seine Hände begannen zu zittern. Plötzlich trat er aus seinem Gedankengefängnis heraus. Sein Kopf wurde klar. Er erwachte...

 

…..."Heiko, du hast deine Deutungen der Wirklichkeit über das Leben gestülpt, so wie dieses Gummi, das ihr benutzt, um eure Frauen nicht zu schwängern. Du wolltest den Samen des Lebens in dir töten. Du wolltest dich von ihm - den das Leben in dich gießen wollte, trennen. Aus diesem Schmerz heraus hast du andere und dich so hart verurteilt. Damit hast du gegen das Leben, gegen die Natur und gegen dich selbst gekämpft. Du hast gegen dein Herz gekämpft. Du hast dich mit falschen Ansprüchen gegen die Anderen, gegen das Leben, gewandt und sie tyrannisiert. Du wolltest zu viel und zu viel von dir selbst. Jetzt bist du müde, erschöpft und hast alles verloren. Doch es ist nicht deine Schuld. Das darfst du lernen: Denn du bist nicht. Das, was du glaubtest zu sein, waren falsche Deutungen und Vorstellungen, die man in dich pflanzte. Sie sind das, was du glaubtest zu sein. Du lebst aus den Fremdaufträgen, Stimmen deiner Eltern und Freunde heraus. Sie waren dein künstliches Gewissen. Dein eigenes Seelisches war darunter verdeckt. Du hattest keinen Zugang mehr dazu. Du hast den Dingen falsche Bedeutungen gegeben und sie falsch gedeutet. Du hast dich darin falsch gedeutet, weil du es so gelernt hattest. Diese Deutungen, die dir nicht entsprachen, wurden in deinem Denken und Fühlen verankert. Du bist sie geworden. Doch du bist unschuldig, du trägst keine Schuld daran. Vergib dir selbst."…….

 

 

……."Das Licht der Schöpfung hat sich in die Seelen aufgeteilt. Sie erschufen die Schöpfungsebenen im Urmeer. Ich denke, wir Menschen sind offene Systeme. Unser Universum ist ein offenes System. Es schwebt im Urmeer der Seelen in der Ewigkeit, das zugleich seine unsichtbare Substanz ist. Das Urmeer ist reines, lichtvolles, unbeschreibbares Bewusstsein. Es speichert in sich alle je gemachten Erfahrungen. Diese stellt es den Seelen zur Verfügung. Sie benutzen sie, erfahren sich in ihnen und individualisieren sie dadurch. Das Urmeer mit seinen Seelen existiert hier und jetzt unsichtbar zwischen uns Menschen. In seinem kollektiven Geist - durch verschiedene Räume hindurch, verbindet es die inneren geistigen Ebenen jeder Seele. Es ist Geist mit all seinen je gemachten und ewigen Erfahrungen der Schöpfung. Aus ihm, aus seiner Vielfalt, entstanden Energien, Räume und Zeiten. Ja, ich denke, alles ist offen. Wir sind offene Systeme und rufen mit unseren Gedanken ähnliche Erfahrungen aus den Tiefen des Urmeers empor. Wenn ich ´Rose´ denke, erschaffe ich eine Vorstellung und ein Bild von ihr. Es spiegelt sich auf der Leinwand meines inneren Geistes und kann vom inneren Auge erkannt werden…

 

 

….."Schau uns Menschen an: Unsere Knochen und die Steine sind das Gleiche. Knochen und Steine bestehen aus Kalzium, Phosphaten und Silizium. Unser Wasser ist das Wasser der Meere. Wir schwammen einst im Bauch unserer Mutter wie die Fische im Meer. Wir krochen, wie die Tiere am Boden. Verstehst du? So besteht alles aus allem, ist gleichwertig und dienend. Alles lebt in allem durch alles hindurch. Unsere Knochen wachsen nicht mehr; dafür fließt das Wasser des Geistes in unseren Gedanken, Gefühlen durch uns hindurch. Es bewegt uns durch wirkende Erfahrungsprozesse, so auch die Menschen um uns herum. Das Leben fließt, so wie das Wasser durch einen Springbrunnen strömt. Unser Körper ist der Springbrunnen, unsere Gedanken sind das Wasser des Lebens………..



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