SPERRZONE BERLIN

                                    Leseprobe:

                  SPERRZONE BERLIN

 Langsam ruderte ich durch die Wellen. Die Sonne blendete. Ich zog meine Augen zusammen und blickte ins Wasser. Es war still. Im Dunkelgrün spiegelte sich das Brandenburger Tor, an dessen Säulen sich Moos und Pflanzen emporrankten. Links - stolz und zersplittert, stand die Reichstagskuppel. Wütende Demonstranten hatten ihr Glasdach zerschlagen, weil Berlin zur Sperrzone erklärt wurde. Schweigend ruderte ich durch die Straßen, die mit ihren kahlen Hauswänden die Erinnerungen an Berliner Touristen hüteten. Zweige mit Blättern kletterten an ihnen empor.  Möwen kreisten im Geruch des Rauches. In der Kunstschule hatten sie auf dem Dach ein Feuer gemacht, um gefangene Fische zu braten. Die Stille hüllte alles ein. Im Grün der Wellen spiegelten sich die Häuser……

 ... Als ich reinkam, war es sehr laut. Hans stritt sich und hetzte. Er wollte sich rächen. Sein Gesicht war noch blau angeschwollen.

„Kämpfen ist zu gefährlich“, meinte Marion.“ Der Streit könnte lange dauern und Verletzte fordern.“

„Wieso schlugen sie dich? Sie waren uns doch gut gesonnen?“ Sie blickte ihn an.

„Ich wollte für unsere Taube drei Bücher haben und griff nach einem. Es beschrieb, wie man in der Natur überleben konnte.“

„Hast du sie gefragt?“

„Nein. Sie rissen es mir aus der Hand und stießen mich weg. Ich wehrte mich. Da traf mich eine Faust. Sie schmissen mich raus.“

„Jetzt versteh ich. Es ist ja klar, dass sie dir dieses Buch nicht geben wollten, da es für sie wichtig war.“

„Für uns wäre es auch wichtig. Solche Sachen sollten geteilt werden.“

„Klar, doch du hättest sie fragen können. Stattdessen hast du es dir einfach gegriffen, obwohl sie es behalten wollten. Das war respektlos.“

„Besser wäre, wenn jemand mit dir mitgeht und du dich bei ihnen entschuldigst.“

„Auf keinen Fall tue ich das.“

„Dann bist du mit deinem Zorn alleine. Wir lassen uns da nicht reinziehen.“ Die Freunde nickten.

„Ihr könnt mich Mal.“

Er stand auf und knallte die Tür. Dann war er verschwunden. Wir blickten uns fragend an. Mir war noch immer kalt. Ich ging ins Zimmer und holte mir einen Pullover, den ich vorgestern in einem Treppenaufgang fand. Ich schlüpfte unter meine warme Bettdecke und lehnte mich an die Wand. Zuvor zündete ich eine Kerze an, da wir keine Elektrizität hatten. Ich blickte in die flackernde Flamme, die mir helfen sollte, mich zu entspannen…

 ...Wir schlugen uns auf die Schulter und setzten uns erregt ans Feuer. Alle waren froh, dass es vorbei war.

„Denen haben wir es gegeben!“ Rolf war noch ganz aufgeregt.

„Wieso taten sie es?“

„Robert wollte sich rächen, weil wir ihn damals ausgeschlossen hatten.“

„Glaubst du wirklich?“

„Ich weiß es nicht. Doch es ist mir egal. Ich will ihn nie wieder sehen.“

Langsam beruhigten wir uns. Niemand fühlte sich gut, da wir solche Situationen verabscheuten.

„Wie sinnlos, so ein Risiko für ein paar Büchsen zu wagen?“

„Oder wollten sie Marion?“ Johann blickte mich an.

Nachdenklich schwiegen wir und schauten ins Feuer.

„Was meinst du dazu?“ Hans blickte den Alten an.

„Was sucht ihr denn für einen Sinn?“

 „Es sollte doch einen Sinn geben? Die Evolution selektiert ja auch nach den stärksten und kompetentesten Genen.“

„Alles wird bewegt, um sich zu vervielfachen, um so aus dem Altem ständig Neues zu erschaffen.“

„Wieso suchen wir nach einem Sinn?“ Johann wurde neugierig.

„Ihr sucht ihn, um mit ihm eure Handlungen zu rechtfertigen. Ihr erschafft euch euren Sinn selbst, um mit seiner Hilfe in den Gemeinschaften ausgeglichen zu leben. Das ist gut.“

Wir blickten uns an. Schatten tanzten auf unseren Gesichtern.

„Wir richteten uns nach der Gesellschaft, ihren Sitten und der Moral aus, doch heute?“ Hans stockte.

„Heute müsst ihr die Verantwortung selbst übernehmen. Ihr habt keinen Staat mehr, der euch schützt und führt. Ihr habt damals seine Moral und seine kulturellen Sitten verinnerlicht, wodurch sie euch heute Halt und Orientierung geben.“

„Das macht Sinn.“

„Dieser Sinn beruht aber auf vielen Meinungen vergangener Generationen, die sich auf Normen und Verhalten einigten, um ihr Zusammenleben leichter zu machen. So entstand dieser Sinn aus einer Einigung.“

„Moral und Sitten beruhen auf Einigungen?“ Johann staunte.

„Ja. Doch sie hatten sich auch geirrt und sich darum auf Fehler geeinigt. So ist es ein menschlicher, fehlerhafter Sinn, nach dem Sitten und Moral ausgerichtet sind. Das Leben dagegen ist neutral. Es schlägt das Herz des Mörders ebenso, wie das Herz des Arztes. Das Leben lebt uns und dient allen mit seiner Kraft. Sie nutzen die Kraft ihres Lebens, das ihr Herz schlägt und sie bewegt. Vom Leben bewegt, sollen wir Erfahrungen machen und Vielfalt erschaffen. Die Schöpferkraft wirkt im Leben durch die Evolution, die Natur, die Gene und Gemeinschaften auf sich selbst zurück. Mit dem Leben durchdringt sie auch unsere Gedanken, Gefühle und Erinnerungen. Im Geist der Schöpfung und der Evolution werden alle Erfahrungen gespeichert und vervielfacht, um uns zur Verfügung zu stehen. Darum machen wir nicht nur für uns selbst Erfahrungen, sondern machen sie für uns alle. Das hat den Vorteil, dass wir nicht alle Erfahrungen selber machen müssen, sondern auf andere zurückgreifen können. Das könnte ein übergeordneter Sinn sein.“

„Glaubst du das wirklich?“ Hans zweifelte.….



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