Wandern auf dem inneren Weg

Seit Stunden saßen sie jetzt eingepfercht in engen Sitzen des überfüllten Busses. Gerüche fremder, abgestandener Gewürze vermischten sich im Atem und Schweiß der Menschen. Sie irritierten Heiko. Die Sitze waren unbequem und eng. Nur der Fahrtwind, der durch die offenen Fenster drang, verschaffte ihm Erleichterung. Als der Bus endlich hielt, kämpften und drängten die Menschen um den Ausstieg. Der Dorfplatz war staubig. Händler saßen erwartungsvoll vor ihren Läden, gaben sich gelassen und freundlich. Der Fahrer reichte den Fahrgästen die Rucksäcke vom Dach. Heiko und Frank nahmen ihr Gepäck entgegen und marschierten los. Es war heiß. Die Mittagssonne brannte auf ausgetrocknete und staubige Straßen. Am Ende des Dorfes machten sie Halt, um etwas zu trinken.

Heiko bestellte eine Cola. Man wusste ja nicht, was man in so einem Kloster vorgesetzt bekam, sagte er sich. Trotz des vielen Zuckers trank er sie, leicht angewidert.

"Es wird dir gefallen", meinte Frank. "Du wirst wieder zur Ruhe kommen."

Heiko blickte seinen Freund stumm an, war sich da nicht so sicher. Frank wollte ihm unbedingt seinen Lehrer vorstellen, von dem er seit Monaten schwärmte. Er hatte sich dazu überreden lassen.

Heiko hatte in Deutschland seine Familie und Arbeit verloren. Eine Firma hatte er gehabt, gekämpft, investiert, war erfolgreich gewesen. Das hatte ihn Zeit gekostet, - so viel Zeit, dass für seine Frau und zwei Kinder am Ende nichts mehr von ihr übrig geblieben war. Als er von seiner letzten Geschäftsreise zurückkehrte, stand die Wohnung leer. In seiner Abwesenheit hatte seine Frau die Kleider, Spielsachen der Kinder und das Wichtigste für sich zusammengepackt. Sie musste alles vorbereitet haben. Heiko betrat schweigende Räume. Sie waren leer und klagten ihn an. In den Wänden und Decken spiegelte sich drückend seine Schuld. Die Bank hatte seinen Kredit gestrichen. Die Firma war bankrott. All die Jahre war er Chef gewesen. Jetzt war er niemand mehr. Arbeitslos saß er in der drückenden Stille der Wohnung und wusste nicht weiter. So überredete Frank ihn, hierher in den Kaukasus mitzufahren. Ohnmächtig willigte er ein…..

 

... Oben angekommen rauchten sie schweigend fertig und machten sich wieder auf den Weg. Diesmal hatte Frank recht: Nach ungefähr fünfhundert Metern erkannte er den Saum der Bäume. Vor ihnen lag eine Wiese, von grauen Gebirgsketten umgeben. Ein paar Häuser standen dort. In ihrer Mitte ragte eine kleine, hölzerne Kirche empor. Sollte dies das Kloster sein, fragte sich Heiko. Dicke Mauern, die kleine Häuser schützend umgaben, hatte er sich vorgestellt. Als sie näherkamen, sah er stattdessen kleine Gärten und Kühe, die im Gras weideten.

"Das ist es, Heiko. Wir sind da."…….

 

…...Frank stand im Raum, wartete aufgeregt.

Er drehte sich um.

Frank wurde kalt. Verwirrt wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte.

"Setz dich", sprach er in gebrochenem Deutsch und deutete auf einen Stuhl am Feuer.

Frank schluckte, um sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Der Mönch war nicht sein Lehrer.

"Ich soll mit dir reden. Bruder Gregori ist in einem fernen Dorf. Es gab dort einen Krankheitsfall. Morgen wird er zurückkommen, muss dann aber wieder gehen. Er entschuldigt sich dafür.".

"Hast du eine Frage?"

Tausend Fragen hatte Frank, doch sein Kopf war leer. Er wusste nichts zu antworten. So saßen sie weiter da. Die Schatten an der Wand schienen Frank zu verhöhnen. So viel Hoffnung und Erwartung hatte er in diesen Moment gesetzt! Erschrocken wurde ihm dies bewusst. Wie ein kleiner, naiver Junge fühlte er sich. Er begann zu frieren.

Der Mönch schwieg. Die Stille war drückend; nur das Feuer knisterte. Wortlos lächelten die Augen des Mönchs…….

.“Manchmal ist eine Erfahrung wichtiger als Wissen. Die Erfahrung ist der Weg zu deiner Seele. Sie kann dir zeigen, wer du hinter deinen Wunschvorstellungen in Wirklichkeit bist. Das, was zerbricht, das bist du nicht. Du hast nur gedacht, dass du es bist. Du hast dich mit deinen Vorstellungen, mit deinen Bildern und Wünschen von dir selbst verwechselt".

Frank war verwirrt, fühlte, dass es nicht um ihn gehen würde. Der Mönch nahm sein Glas und trank. War er umsonst gekommen? Sein Körper war wie erstarrt. Plötzlich zerbrach etwas in ihm.

Der Mönch nahm eine Flasche, die neben ihm stand. Er goss sich Wasser auf die Hand.

"Schau, das ist dein ICH, deine Idee von dir!"

Er spritzte das Wasser ins Feuer. Es zischte und Dampf stieg auf.

"So verdampft die Idee von dir und wird zu Geist. Er steigt in dir, deiner Seele auf. Siehst du, wie der Dampf sich mit der Luft vereint? So wirst du dich in deiner Seele mit Gott wieder vereinen. Das Unbekannte im Inneren deines Raumes bist du. Es ist das Bewusstsein deiner Seele"...

 

…...Draußen war es Nacht geworden. Der Reis schmeckte genauso wie am Mittag. Doch das war ihnen gleichgültig. Sie saßen im Licht der Kerze. Schatten tanzten in ihren Gesichtern. Heiko wollte nun auch diesen Lehrer kennenlernen. Sie scherzten über schöne Frauen, die ihnen vielleicht in Deutschland begegnen würden. Sie mussten über sich selbst lachen, genossen das Beisammensein….

 

...Schweigend zog der Mönch den Rauch der Pfeife in seine Lungen. Es war dunkel. Der Schein des Feuers tanzte über das Gesicht des Alten. Die Nacht war still, nur das Feuer knisterte. Über ihnen leuchteten die Sterne.

 

Bilder aus Deutschland stiegen wieder in Heiko auf. Wenn er am Wochenende allein zu Hause saß, schien alles leer zu sein. Bierflaschen und der stinkende Aschenbecher grinsten in grimmig an. Vor wenigen Wochen noch Unternehmer, war er nun ein Niemand im Heer der Arbeitslosen. In der drückenden Stille, saß er nun herum. Er wusste nicht mehr weiter und nichts mit sich anzufangen.

Nun saß er diesem Mönch gegenüber, der sie so lange hatte warten lassen. Es ärgerte ihn, dass er seine Hand abgewiesen hatte. Sein ganzes Verhalten empfand er als arrogant.

Der Mönch blickte ihn an, dann fragte er ihn plötzlich:

"Wen suchst du Heiko?"

Erstaunt über die direkte Frage, blickte er ihn an. Was sollte er ihm antworten? Wie spricht man mit einem Mönch? Er überlegte einen Augenblick und wollte keine schlechte Figur abgeben. Etwas wichtigtuerisch antwortete er:

"Ich suche den, der ich war und der jetzt mit leeren Händen vor dir sitzt."

Die Augen des Alten blitzten…..

 

….."Unser Wille mit seinen Deutungen ist wie eine gewaltige Stadt. Wenn die Erde bebt, Erdplatten vibrieren, stürzen starre Häuser ein. Die Häuser sind dann krank. Ein Symptom ihrer Krankheit ist ihre Starrheit. So ist es bei vielen Menschen, die in ihren Lebenskonzepten und inneren Vorstellungen erstarrt sind. Sie können sich nicht mehr bewegen, können mit den Vibrationen des Erdbebens und der Krise nicht mitgehen. Die Häuser der festgefahrenen Vorstellungen stürzen ein, wenn die Erde von innen, durch die Krise bewegt wird. Die Menschen sterben. Ist die Erde nun böse? Nein. Sie bewegt sich nur, weil sie durch das Leben bewegt wird. Was wäre, wenn die Erdplatten sich nicht verschieben würden, die Bewegungsenergie nicht entweichen könnte? Die Erde würde anfangen zu glühen. Sie würde zerplatzen und alles auf der Oberfläche würde zerstört werden. Dank des Erdbebens wurde nur eine Stadt zerstört. Es werden in Zukunft neue, bessere und flexiblere Häuser entstehen. Ist die Erde böse? Nein. Die Erde lebt und bewegt sich, wie das Universum und das Leben ständig in Bewegung sind."...

 

..."Alles was die Menschen erschufen, beruht auf ihren Vorstellungen und Ideen. Sie sind aber geistiger Natur, wie ihre Erfindungen - Industrien die das Klima und die Natur verändern, materieller Natur sind. Gehen wir in ein einfache alltägliche Situation: Wenn du dir eine Rose vorstellst, zeigt sich das Bild einer Rose vor deinem inneren Auge. Das ICH in dir erkennt ihr Bild. Es macht sich eine Vorstellung von der Rose, um sie durch die Hand auf einem Papier zu zeichnen. Dadurch vervielfacht sich ihre geistige Erfahrung. Die Erfahrungen Rose erschaffen sich nun im Außen durch deine Hände. Sie erschaffen ein materielles Selbstportrait von sich auf dem Papier. Du zeichnest eine Rose."...

 

….Die Flammen tanzten in der Nacht. Der Mönch nahm einen Schluck Tee.

Fank war verwirrt. Er hatte etwas ganz anderes erwartet. Doch plötzlich schien es ihm logisch. Zuerst mussten ja die Grundlagen von allem geschaffen werden, damit sich überhaupt Qualitäten herausbilden konnten. Das genau war ja seine Frage gewesen. Dann wären es aber nicht das Wort oder die Schwingung gewesen, die einst alles erschufen. Die Religionen beschrieben dies als eine zu glaubende absolute Wahrheit. War das falsch, was sie uns lehrten? Waren es tatsächlich Erfahrungen in den Urprinzipien, die sich autonom in jedem Teil gemäß seiner Entwicklungsstufe entwickelt hatten? Hing ihre Entwicklung davon ab, dass sie immer wieder auf diese Prinzipien, die in ihnen wirkten, zurückgriffen. Das sie zufällig - von Dynamiken der Beziehungen und Interaktionen dominiert - auf sie zurückgriffen? Entwickelte durch sie die Schöpfung uns Menschen in der Natur? Es machte ihn nachdenklich. Er griff zum Becher und trank einen Schluck Tee.

Sie schwiegen. Die Flammen reckten sich zum Himmel und tanzten leuchtend zum Rhythmus ihres Lebens. Funken sprühten, als Bruder Gregori einen neuen Ast ins Feuer legte.

Er blickte Frank an und lächelte.

Die Nacht umgab sie mit kühler Dunkelheit, aus der die Sterne leuchteten. Es war ihr eigenes Unbekanntes, das sich in der Dunkelheit am Feuer zeigte. Ob sie sich wohl erkennen, fragten sich die Sterne leuchtend…...

 

…."Ist es Liebe, Tiere in Massentierhaltung zu quälen und sie für unseren Überfluss zu missbrauchen? Ist es Liebe, sich selbst durch Fettleibigkeit krank zu machen? Das tun jedoch viele. Mit jedem Stück Fleisch eines anonym getöteten Tieres, das nie das Tageslicht gesehen hat, fördern sie die grausame Massentierzüchtung. Ist das Liebe? War es der Wille und Sinn der Schöpfung, so respektlos mit Tieren und Pflanzen umzugehen?" Er blickte Frank fragend an.

“Nein.”

"Wir sind dabei, uns selbst zu zerstören. Wir rotten die Tiere aus und manipulieren mit künstlichen Genen die Nutzpflanzen. Wir haben die Natur und die Schöpfung auf der Erde aus ihrem natürlichen, gottgegebenen Gleichgewicht geworfen. Ist das Liebe zur Schöpfung? Ist das Respekt für die Schöpfung?"

Der Mönch atmete tief und blickte einen Moment zum Himmel...

Die Beziehung zu den Tieren und Pflanzen ist das Entscheidende. Gott hat gesagt:

´Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst´

Wir alle, Menschen, Tiere und Pflanzen, sind Geschöpfe Gottes. Dieser Spruch gilt für uns alle, er ist universal. …..

 

….."Unser ICH empfindet sich selbst als etwas Eigenständiges. Es will gesehen und durch unsere Vorstellungen geleitet werden. Es will aus sich selbst ein Wesen machen, um sich zu manifestieren. Wir wollen als Persönlichkeiten gesehen und anerkannt werden. Darstellen wollen wir uns, dadurch gesehen, geliebt, und wertgeschätzt werden. Wichtig wollen wir uns fühlen und uns als etwas Sinnvolles erleben. Können wir das nicht, spüren wir eine Kränkung. Doch wer ist in uns gekränkt? Es ist das ICH mit seiner Vorstellung von uns. Warum? Weil es keine eigenständige Existenz ist. Es ist abhängig vom Geist und von den Vorstellungen der Persönlichkeit. Das will es aber nicht wahrhaben, wehrt sich dagegen. Es will etwas Eigenständiges sein. Das ICH ist zur einen Hälfte die uns reflektierende, uns beobachtende Psyche und zur anderen Hälfte unser willentlich handelnder Teil im physischen Körper. Im Körper entspricht es dem Gehirn. Dazu gehören auch die Sinnesorgane, das sympathisch-willentliche Nervensystem mit den Hormonen und unsere Gliedmaßen. Durch sie können wir handeln. Soziale Verhaltensweisen und Handlungen in Gruppen dienen unserer Individualisierung. Gott individualisiert sich durch unsere Seele…

 

... Die Nacht war dunkel. Er blickte die beiden Freunde an. Frank bewunderte ihn. Was bewunderte er - sein Wissen? Dem Mönch wurde es kalt, er erinnerte sich wie er verwirrt, wütend vor sich selbst flüchtete. Sein ICH war schwach, er konnte sich selbst nicht mehr ertragen……..

 

…….."Irgendwann beginnt die Lüge. Wir werden wütend, weil unsere Schmerzen zu groß geworden sind. Wir ertragen das Ganze nicht mehr, ertragen die Gefühle und Vorstellungen nicht mehr. Nicht einmal mehr in Worte können wir sie fassen, weil sie uns überwältigen. Mit ihnen versuchen wir nun, uns die Ursachen unserer täglichen Konflikte, unser Fehlverhalten vor uns selbst zu rechtfertigen. Damit verletzen wir Menschen und tun ihnen Unrecht. Das kann zu tiefen Schuldgefühlen führen. Daraus entsteht eine tiefe Vorstellung der Angst. Angst ist immer an Objekte, Situationen und Menschen gebunden. Dadurch entmenschlichen wir Menschen. Wir machen Menschen zu Objekten unserer Rache, unserer Liebe, unseres Hasses und unserer Begierde. Warum aber ängstigt uns diese Angst so? Es ist unser Gewissen. Es ist unser Wissen, dass wir Menschen verletzen. Daraus entsteht eine Fantasie. Es ist die Fantasie der Rache. Wir fürchten….

 

…..Heiko erkannte sich selbst in seinen Worten. Er war dem Mönch dankbar. Er fühlte sich in seinen Schuldgefühlen, in seiner Zerrissenheit verstanden. Das berührte sein Herz. Es öffnete sich und machte ihn liebevoll. Dampf stieg aus dem Glas. Er stellte die schwarzverkrustete Kanne wieder in die rote Glut des Feuers, stand auf und streckte sich. Sein Rücken schmerzte. Er ging ein paar Schritte in die kühle Nacht und blickte zu den Sternen. Das Sternbild des Löwen, sein Sternzeichen, leuchtete auf ihn herab. Das beglückte ihn. Er fühlte sich erleichtert und frei. Die Traurigkeit mit ihrer Schwere, die ihn wie in einem Glashaus eingekapselt hatte, hatte sich aufgelöst. Er fühlte sich leicht, fast beschwingt. Etwas bewegt sich in ihm. Tiefe Dankbarkeit durchströmte ihn. Es war ein neues Gefühl. Er drehte sich um und ging zurück zum Feuer…

 

... "Wir überfordern uns aber selbst, verlangen zu viel von uns. Wir haben nicht alles in der Hand. Das durfte ich lernen. Lange suchte ich Orientierung, quälte mich mit Fragen von Gut und Böse - war ich mir doch selbst ausgeliefert. Ich kämpfte gegen mich und wurde hart. Es war falsch. Wir sind weder gut noch böse. Wir dürfen uns von diesen alten und überholten Vorstellungen lösen. Zu viel Leid erschufen die Ausdrücke GUT/BÖSE in uns allen…...



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