Der Jesusdialog

LESEPROBE:    DER JESUSDIALOG

ICH: Ich bin etwas verwirrt, Jesus, und die Erregung in mir wächst …

JESUS: Das glaube ich, das würde mir ebenso gehen.

ICH: Ich fange einfach an zu schreiben und lasse mich von dir führen. Ist das in Ordnung?

JESUS: Ja, ich freue mich darüber. Und du wirst überrascht sein, wir waren uns in Nazareth sehr nah, näher als nah.

ICH: Wie meinst du das?

JESUS: Es spielt heute keine Rolle mehr. Gib dich uns einfach hin, unserem Schreiben, fühle und empfinde.

ICH: Das macht mir jetzt etwas Angst, dass du es bist, Jesus. Und dass ich gar nicht weiß, ob du es wirklich bist. Ich will nicht wegen Schizophrenie oder Größenwahn in die Psychiatrie eingeliefert werden.

JESUS: Hältst du dich selbst für verrückt?

ICH: Nein, ich schätze mein Denken eigentlich als relativ klar ein. Ich frage mich jedoch, wieso ich das schreiben soll.

JESUS: Was meinst du?

ICH: Ich meine, ich hatte nie eine Beziehung zu dir. Ich habe in diesem Leben wenig vorzuweisen, was an dich erinnert. Ich war nie Kirchengänger, habe mich nicht mal konfirmieren lassen. Und ich habe auch kein sogenanntes christliches Leben geführt …

JESUS: Wir waren ständig in Beziehung, dir war es aber nicht bewusst. Das ist völlig okay. Du warst einfach ein Mensch und neugierig, Schatten zu erleben. Ein bisschen Größenwahn hattest du ja manchmal, doch du hast ihn selbst bemerkt und sofort bekämpft.

ICH: Nett, dass du das so siehst, aber …

JESUS: Wer war es, der dir die Inspirationen eingab?

ICH: Ja, wer?

JESUS: Ich war es. Ich war der Lehrer, den du in dir bekämpft und geliebt hast. Ich war es, der dich so manches Mal verwirrte. Gerade durch deinen Widerstand, deinen Protest konnte ich dich führen.

ICH: Wie meinst du das?

JESUS: Du hast immer versucht, den klaren Weg zu finden. In deinem Schreiben hast du dich gegen alle inneren und äußeren Widerstände gewehrt. Deshalb konnte ich dich führen. So hast du das erlebt, wozu deine Neugier dich getrieben hat. So musstest du erst die Erfahrung der Schatten machen, um den Wert des Lichtes zu erkennen. Wie sonst hättest du schreiben können? Du warst nie größenwahnsinnig, Anna meinte es nicht wörtlich. Sie wollte deine Begeisterung etwas abkühlen, dass du dich nicht in Gedankenmodellen verläufst, dich überforderst. Doch auch in ihr war mein Geist. Darum ward ihr euch so nahe.

ICH: Jesus, ich saß damals in der Sauna und sah plötzlich durch deine Augen. Du blicktest Maria Magdalena und deine Mutter Maria an, vom Kreuz herab. Dabei zitterte mein ganzer Körper. Ich spürte deinen Schmerz. In deiner Liebe zu Maria Magdalena und zu deiner Mutter war ein unendlicher Schmerz …

JESUS: Ja, es tat entsetzlich weh, sie so leiden zu sehen. Ich fühlte ihren Schmerz. Es tat mir leid, was ich ihnen antat. Es muss schrecklich für sie gewesen sein, wie die Peitschen meine Haut zerfetzten, sie mich da blutend am Kreuz hängen sahen. Ich hing ausgezehrt, durstig über ihnen und wurde bespuckt wie ein räudiger Hund.

ICH: Ja, ich sah sie, durch deine Augen. Ich musste weinen. Da bat ich als Jesus den Vater, Gott, um Vergebung.

JESUS: Der ganze Schmerz stieg plötzlich empor, Zeiten verschoben sich. Es war die Erkenntnis, was hier auf Erden alles geschehen wird. Ich konnte es nicht glauben. Wie viele Menschen in meinem Namen sterben werden, in meinem Namen sinnlos getötet wurden. Wie viele Frauen einsam mit ihren Kindern aufwuchsen, wie viele Kinder vaterlos in Armut darbten. Millionen Menschen lebten in Angst vor Strafe und Schuld, wurden so in den Glauben gezwungen und brachten andere ins Leiden. Das wollte ich nie. Es tat weh, als ich dies alles in deinem Körper, in diesem Augenblick erfasste.

ICH: Ja, es war ein tiefer Schmerz, als ich durch deine Augen blickte, dich fühlte, wir in diesem Augenblick fast Eins waren. Ich musste weinen. In diesem Moment war ich du und entschuldigte mich bei allen Seelen, die in deinem Namen verletzt worden sind. Ich entschuldigte mich sogar bei Gott, bat ihn um Verzeihung. Ich dachte immer: Mein Gott, was ist geschehen? Was habe ich nur getan? Was wurde aus meinen Worten gemacht?

JESUS: Das Entsetzlichste aber war, Maria Magdalena und meine Mutter leiden zu sehen, sie, die ich so geliebt habe.

ICH: Ja, zweimal sah ich in den nächsten Tagen durch deine Augen und fühlte deine tiefe Liebe zu Maria Magdalena. Du suchst sie noch heute. Du bist noch heute in Liebe mit ihr verbunden, willst sie wiederfinden, um dich wieder mit ihr zu vereinigen. Ich spüre jetzt wieder deinen Schmerz in meinem Zwerchfell.

JESUS: Sie war eine wundervolle Frau. Sie hatte eine solche Tiefe und Schönheit. Das jedoch ängstigte die Männer, die sie begehrten. Ihre Tür stand jedem offen. Viele kamen ängstlich und erfüllt von Fragen zu ihr. Sie hatte wunderbar zarte und heilende Hände, durch welche die Liebe floss. Das machte andere Frauen eifersüchtig. Doch Maria war stolz; sie ließ sich nicht unterkriegen.

ICH: Du musst sie sehr geliebt haben.

JESUS: Ja, ich habe sie geliebt. Du und ich wir waren uns sehr nah, näher als nah. Darum schmerzte es dich so, darum musstest du auch weinen.

ICH: Ja, Jesus, das war der Moment, in dem ich dich in mir ernstnahm. Es war die Wiederholung deiner Schmerzen, die ich in meinem Körper fühlte. Es waren nicht meine. Die Bilder und deine Stimme waren es. Sie drängen mich dazu, jetzt mit dir zu sprechen.

JESUS: Ja, ich verstehe.

ICH: Ich habe viele Fragen. Doch im Moment weiß ich nicht weiter. Die Bibel habe ich zwar mal gelesen, aber sie hat mich nie wirklich berührt. Als Jugendlicher im Internat habe ich sie sogar mit einer Luppe verbrannt. Das brachte mir viele Stunden Arrest ein …

JESUS: Du hattest einen verständnislosen Pfarrer, bist aber zu deinem Glauben gestanden. Du hast dich nicht von ihm unterkriegen lassen, im Gegenteil: Er hat in dir Kraft geweckt und Authentizität. Das hat mich berührt. Mach dir also darum keine Gedanken. Kirche und Pfarrer haben mir über die Jahrhunderte so vieles in den Mund gelegt, an meinen Worten klebt so viel Blut. Das wollte ich nie. Wo sind die Frauen in der Kirche? Habe ich je gesagt, dass Frauen nicht Pfarrerinnen oder Priesterinnen werden dürfen? Bei mir gab es keine Kirche. Niemand verstand meine Liebe zu Maria Magdalena, sie war mir die Nächste. Sie war es, die mir Beistand gab, die mich im Fieber pflegte und ölte. In meinen tiefsten Zweifeln stand sie mir bei. Niemand hat das verstanden. Stattdessen wurde sie von der Kirche als Hure herabgewürdigt. Ich habe sie nur leiden lassen – gefangen in meinem göttlichen Auftrag. Wie mich das schmerzt! Man machte sie zu einem Werkzeug, um meinen Mythos zu stützen, meine Heiligkeit, den Mythos von Jesus Christus. Sie war mir Frau und Geliebte. Mein Herz war sie, das mich lieben ließ. Durch ihre Augen lachte mich der Vater, die Mutter Schöpfung an. Sie gab mir Ruhe im Sturm. Sie war Hingebung, das vollkommene Dienen. Sie verkörperte die heilende, sanfte, erotische Lebenskraft der Schöpfung, wie es auch meine Mutter Maria tat; sie beide wirkten vom Geist Gottes bewegt.

 

ICH: Ist es in Ordnung, wenn wir eine Pause machen? Ich kriege gleich Besuch und spüre wieder diesen Schmerz von dir in mir. Wie es mir die Rippen zusammenzieht!

JESUS: Ja, ich muss unsere Worte auch erst überdenken. Ich bin dabei, in deinem Körper zu erwachen, meine Wahrnehmung verändert sich.

ICH: Gut, dann schließe ich hier und schreibe in der Nacht weiter. Ich danke dir, Jesus. Ich danke auch dir, Gott in Jesus, in Maria Magdalena und Maria, als Brama, Vishnu, Maheshwor, Shakti, Kali, Durga, Swarasotti und Santasossi. Oh, Gott, du und deine vielen Namen.

JESUS: Ja, es sind alles Aspekte, Manifestationen meines Vaters, unseres Vaters – des Geistes und Bewusstseins in den Kulturen und Religionen. Es ist schön, wenn du sie alle ehrst. Sie halfen dir, dich wieder in uns zu erkennen. Jetzt geh, kauf für euch beide etwas Gutes zu essen!

ICH: Ich danke dir, Jesus.

JESUS: Ich danke dir.

Nächster Tag. Eine Nacht voller Wut und Schmerz.

ICH: Bist du da, Jesus?

JESUS: Ja, hier bin ich…...

….JESUS: Ich fühle mich auch gut. Schmerz und Traurigkeit waren für einen Moment verschwunden. Ich erinnerte mich: Maria Magdalena und ich flüchteten vor der Glut der Sonne in das weiße Lehmhaus. Wir lagen auf der Strohmatte im Schatten. Sonnenstrahlen besuchten uns. Schatten kühlten uns sanft. Wir lagen da. Sie strich mit ihren Fingern um meine Lippen, ließ mich schweigen. Sie liebte die Stille, die Sprache ohne Worte. Ihr schwarzes langes Haar bedeckte einen Teil ihrer Schulter. Ihr Kleid war heruntergerutscht und hing an ihrer Brust. Sie war voll und weich. Ihr Geruch, ihre dunklen Augen ließen mich in ihr versinken, mich vergessen, wer ich war. Ich versank zwischen ihren Brüsten, während sie meinen Nacken liebkoste. Stolz standen die Knospen ihrer Weiblichkeit. Sie lockten mich lächelnd. Meine Zunge kreiste um ihre aufgerichteten Knospen und leckte das Salz. Ich liebte den Duft ihres Schweißes. Sie griff in mein Haar, biss mich in den Hals. Sie fauchte mich keck, herausfordernd an, lachte, als ihre Schenkel mich umschlangen.

ICH: Wunderschön, Jesus. Doch willst du wirklich vor mir dein Liebesleben ausbreiten?

JESUS: Ich will nur zeigen, wer wir wirklich waren, welche Schönheit sie in sich trug. Plötzlich aber wurde ich aus meiner Erinnerung gerissen. Wut stieg in mir empor. Ich sah die Kirchengeschichte. Sie kam mir leer vor und unsinnlich. Ihre Würdenträger schmückten sich mit falscher Anständigkeit und verlogener Moral, pflanzten Angst in das Gewissen der Gläubigen. Aus Angst vor einem Gericht nahmen Menschen unfreiwillig den Glauben an. Wir gaben euch aber die Freiheit, wie konnten sie sowas den Menschen antun? Habe ich, Jesus, je von Strafe gesprochen? Habe ich je gesagt, ihr sollt hassen, statt zu lieben? Ihr sollt eure Brüdern und Schwestern aller Kulturen und Religionen achten und lieben. Eure Brüder und Schwestern, aber auch Pflanzen und Tiere lieben und achten. Warum habe ich Maria Magdalena so geliebt? Sie war es, die mich berührte, die mir meine Füße massierte. Sie kühlte meine Stirn, als ich zitternd, gefangen im Zweifel des Fieberwahnes, am Feuer lag. Petrus und die anderen Jünger waren eifersüchtig. Sie haben Maria Magdalena nie akzeptiert. Alle begehrten sie und schämten sich dafür – sie liebten ja mich. Sie konnten nicht verstehen, dass ich als Sohn Gottes liebte. Verwirrt von den Lehren der Pharisäer, dem strengen Moralkodex der jüdischen Gemeinde, waren sie voller Selbstzweifel und Selbstzerknirschung. Sie waren mit ihrem eigenen Begehren konfrontiert. Die Jünger wollten nicht verstehen, dass ein Gottessohn lieben kann. Wenn Gott aber durch seinen Sohn nicht lieben kann, wie kann er dann über Liebe sprechen? Wenn ich über Liebe sprach, wie sollte ich nicht über das sprechen, was mich bewegte? Dies erfuhr ich durch Maria Magdalena. Sie gab meinen Gedanken Stille. Ihre Finger brachten meinen Geist zur Ruhe. So wurden die Worte meines Vaters befreit, und ich hörte sie hinter meinen Gedanken. Maria brachte mich zurück in meine Seele, ins Bewusstsein meines Vaters. Die Tiefe ihres Blicks öffnete mir meine Tiefe. Ihre Augen ließen mich eintauchen in das Bewusstsein, in das Licht des Vaters, das uns beide einhüllte. Sie gab mir Ruhe und Vertrauen, an mich zu glauben. Der Friede des Vaters umgab uns, als wir erschöpft im Liebesschweiß in Träumen versanken.

ICH: Du musst sie sehr geliebt haben.

JESUS: Ja, das habe ich. Ich wollte sie immer bei mir haben. Ich liebte auch Johannes, Petrus, Judas und die anderen. Doch sie war immer die Wichtigste für mich. Das haben die Jünger ihr nie verziehen. Viele Male mahnte ich Petrus und die anderen vor ihrer kalten Dogmatik. Ich mahnte sie vor ihrer Härte, mit der sie ihre Seele und die der Menschen verletzten. Ich zeigte ihnen, wie sie sich mit Schuldgefühlen, Ehrgeiz und Selbstzerknirschung demütigten und selbst bestraften. Doch sie gaben keine Ruhe, wollten uns trennen mit ihrer Wissbegier und Gottesgier. Nein, so war es nicht ganz … Ich habe übertrieben. Ihre Liebe zu mir war echt. Sie hatten alles aufgegeben für mich. Ich konnte sie nicht verstoßen und enttäuschen. Maria Magdalena selbst mahnte mich, sie nicht zu verraten. Ich sollte meinen Auftrag nicht verleugnen, indem ich mich ihr hingab und mit ihr über die Berge fliehen wollte......



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